Der Ruf nach Härte und Disziplin

Immer öfter begegnen mir laute Stimmen im Netz, die nach mehr Härte und Disziplin, ja sogar nach „Beschnitt“ (!) im Erziehungsalltag rufen. Sie tun dies mit MACHTvoller Sprache, die sie gut beHERRSCHEN und:
Sie werden gehört. Von allen die sich ohnehin schon verunsichert fühlen

  • in unserer aktuellen Situation.
    Das Thema hoffnungslos überforderter LehrerInnen – offenbar zahnlos den schwierigen Bedingungen und schwierigen SchülerInnen ausgeliefert – beherrscht die Medien und ist immer ein Eltern-Blaming oder LehrerInnen-Blaming gut, welches aber niemals zur Lösung beitragen kann, sondern das Feuer weiter anschürt. Und fast ausnahmslos jeder beteiligt sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen daran.
  • und all den Zurufen:

„Gewisser Gehorsam und Disziplin gehören meiner Meinung nach zu jeder guten Erziehung“

teilte mir vor kurzem ein junger Mann auf Facebook mit.

„Mein Kind muss nicht Zähne putzen – ich tue ihm da keine Gewalt an.“

lese ich im Kommentar einer Mutter die verzweifelt bemüht ist „ihre Wahrheit“ zu untermauern um sie zur grundlegenden Basis jeglicher Erziehungsbestrebung zu erklären.

Nicht-Erziehung als Erziehung?

Wenn ich dann genauer hinschaue, ist dieses Nicht-Erziehen oftmals auch nur ein mächtigeres Wort für „Miteinbeziehen, Selbstwirksamkeits-Erfahrungen ermöglichen, Entwicklungsraum zu öffnen“ – all das erachte ich auch als zentral für die kindliche Entwicklung und ich bin weit weg von Laissez faire. Ich vertrete auch keinen antiautoritären Erziehungsstil.

Es gibt noch mehr: Demokratische Erziehung zum Beispiel. Aber auch hier fühle ich mich nicht ganz zu Hause. Ich denke, dass Eltern sehr wohl eine Führungsrolle einnehmen sollten, je kleiner die Kinder, desto mehr brauchen diese auch Orientierung und das Gefühl „Mama / Papa wissen wo es lang geht.“

Von Kapitänen, Leuchtturmwärtern und Bergführern

Das Wort „Führung“ ist immer noch so bleischwer besetzt, dass es kaum auszusprechen ist. Wenn ich Bilder meiner Haltung schaffe, dann übernehmen die Eltern darin anfänglich die Kapitänsrolle und wechseln Schritt für Schritt in Richtung „Leuchtturmwärter“, bis das Schiffchen dann ein Schiff ist und in große See sticht. Und auch dann ist es noch wichtig sich eines sicheren Hafens gewiss sein zu können.

Auch das Bild des/r Bergführers/in bietet sich an: BergführerInnen kennen das Ziel, manchmal bestehen sie auch auf einen bestimmten Weg – da wo sie Gefahrenstellen kennen – aber im Großen und Ganzen lassen sie ihre Reisegruppe die Route mitbestimmen.

Der autoritative Stil?

Dann gibt es auch den autoritativen Stil, der auch „nicht verhandelbare“ Regeln erlaubt. Im Gegensatz zum demokratischen Erziehungsstil, in dem das Kind immer und ausnahmslos ein selbstbestimmter, gleichberechtigter Partner ist, können Erwachsene, die sich im autoritativen Stil als Vorbild ihrer Kinder begreifen, gewisse Regeln auch eigenmächtig festlegen, so wie mein/e Bergführer/in vorhin. Wichtig ist die Transparenz, eine wertschätzende Kommunikation und dass das Kind die Vorschriften auch nachvollziehen kann. Das klingt schon ganz stimmig für mich, allerdings kann sich auch im autoritativen Erziehungsstil viel Leistungsanforderung, Verbiegen in eine gewünschte Richtung und Härte verstecken.

Es kommt mehr auf das WIE als auf das WAS an

Der junge Mann, den ich mit seinem Ruf nach Disziplin eingangs zitiert habe, hat auf mein Nachfragen übrigens auch etwas sehr Weises angemerkt:

„In der heutigen Zeit ist quasi alles was richtig ist auch gleichzeitig wieder fragwürdig oder gar falsch, insgesamt eine irre komplexe Herausforderung. Für mich ist meistens ein gesundes Mittelmaß das Ziel, Extreme haben in der Kindererziehung meiner Meinung nach nichts zu suchen.“

Die Klarheit mit der er die gegenwärtige Verunsicherung anspricht, hat mich gleichermaßen überrascht und berührt.

Das Geschäft mit der Angst

Die „lauten Stimmen“ mit denen ich diesen Beitrag begonnen habe, bedienen sich genau dieser Verunsicherung, sie verkaufen – scheinbar – die Lösung.

Denn Angst – unabhängig davon ob verkleidet als

„Vorsicht, unsere Kinder werden zu Tyrannen“

oder in Form von

Wehrt euch, die gesellschaftlichen Zwänge erdrücken euer Kind“

– lässt sich gut verkaufen.

ErziehungsratSCHLÄGE –  Lass‘ mal die Keule stecken

Diese Stimmen verteilen ErziehungsratSCHLÄGE und geben vor Lösungen anzubieten, das können sie aber niemals leisten, denn es gibt kein Erziehungsprogramm das seriöserweise allen verordnet werden könnte.

Kein pädagogisches Navigationsgerät

So praktisch es auch wäre, wenn wir einen authentischen Erziehungsalltag leben wollen, dann gibt es kein pädagogisches Navigationsprogamm. Denn: Jede Familie ist anders, jedes Kind ist anders, jede Lebensphase ist anders, jede Wertevorstellung ist anders. Jede gute Erziehungsantwort ist eine Antwort auf das jeweilige Bedürfnis und ein Bedürfnis erspüren die Bindungspersonen am besten, die mit denen wir uns in Nähe verbunden fühlen.
Hören wir also nicht auf Ratschläge von Außen:

„Bei der Kreuzung zum nächsten Problemverhalten, biegen Sie rechts ab – erste Ausfahrt Richtung „Grenzen setzen“. Abbiegung in den „harmonischer Familienalltag“ vor Ihnen.

Warten wir nicht auf:

„Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht“

Denn der Weg ist das Ziel, der eigene Weg. Und in Wahrheit ist dieser Weg erschreckend schnell gegangen. Die ersten Wegbiegungen kommt einem die Strecke noch unendlich vor, ab der vierte, fünften Kurve beginnen wir oft schon zu begreifen: Achtzehn Jahre sind in einem Wimpernschlag vorbei.

Elterliche Intuition

Gelungene Erziehung hat immer viel elterliche Intuition an Bord. Sich der anzuvertrauen fällt leichter mit dem „Wissen zu wissen“.

Elternbildung – Wissen über das Ruckeln im Getriebe

Wenn ich über die kindliche Entwicklung gut informiert bin, weiß, dass manche Kompetenzen sich erst entwickeln müssen und dann meistens ein Ruckeln im Getriebe zu spüren ist, kann ich leichter auf mein Herz hören. Und genau da sehe ich die Aufgabe von Elternbildung: Dieses Wissen anzubieten. Nicht aufzuzwingen.

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