Was brauchen Kinder eigentlich, damit sie sich gut entwickeln können?

Auf die Frage, was ein Kind braucht um sich gut entwickeln zu können, fällt mir unmittelbar Johann Wolfgang von Goethes im wahrsten Sinne des Wortes „geflügelter Ausspruch“ ein. Er war es, der forderte Kindern „Wurzeln und Flügel“ zu geben, um ihnen eine gute Entwicklung zu ermöglichen.

  • Die Wurzeln entsprechen der Liebe und Geborgenheit, die wir unseren Kindern schenken. Aber auch den Regeln, an die wir uns im Familienalltag halten, den Werten und Normen, die wir vermitteln und den Grenzen, die wir setzen. Ohne diese Wurzeln können unsere Kinder keinen Halt im Leben finden.
  • Die Flügel stellen das Zutrauen und Zulassen dar, das wir unseren Kindern entgegenbringen, damit sie ihre ganz eigenen Erfahrungen machen können. Und letztlich auch das Loslassen – damit sie ihr Leben leben und nicht nur ein reduziertes Dasein als Lebensinhalt ihrer Eltern führen.

Seine Forderung hat auch heute noch durchaus ihre Berechtigung. Zweihundertfünfzig Jahre nach Goethe können wir aus erziehungswissenschaftlicher Sicht aber auch auf detailliertere Erkenntnisse über den kindlichen Entwicklungsverlauf zurückgreifen:

Um sich gut entwickeln zu können, braucht ein Kind …
                         … mindestens eine verlässliche Bezugsperson     

Meistens werden das die Eltern sein, es kann aber auch eine andere Person sein. Wichtig ist, dass es jemanden gibt, zu dem das Kind eine stabile und positive Beziehung hat. Diese Person sollte die Bedürfnisse des Kindes erkennen und angemessen darauf eingehen. So kann das
Kind eine sichere Bindung aufbauen, Vertrauen entwickeln und sich gehalten und sicher fühlen.

 … ein Kind braucht einen emotionalen Ankerplatz, auf den es sich verlassen kann


Um sich gut entwickeln zu können, braucht ein Kind …
                                                 … Wertschätzung und Akzeptanz

Ein strukturierter, emotional positiver Erziehungsstil nimmt das Kind in seinem Wesen und seiner ganz eigenen Art an. Es soll nicht in eine bestimmte Richtung „verbogen“, sondern in seiner Entwicklung unterstützt werden. Wertschätzung und Akzeptanz sollten aber nicht mit „Keine-Grenzen-setzen“ und „Alles-akzeptieren-müssen“ verwechselt werden. Ein Kind, das nie gelernt hat sich an bestimmte Regeln zu halten, wird es auch als Erwachsener schwer in seinem Leben haben. Grenzen müssen natürlich von den Eltern gut durchdacht und auf ihre
Berechtigung überprüft werden. Hört ein Kind ständig „Nein“, kann es sich nicht daran halten.

 … ein Kind soll sich angenommen und wertgeschätzt fühlen und
gesetzte Grenzen nachvollziehen und verstehen 
können


Um sich gut entwickeln zu können, braucht ein Kind …
                                      … positive und authentische Vorbilder     

Kinder brauchen keine perfekten Eltern um sich gut zu entwickeln. Was für eine Erleichterung! Gibt es doch gar keine perfekten Eltern, etwas Gruseligeres ist auch kaum vorstellbar. Kinder brauchen keine Roboter, sondern menschliche Vorbilder – die ihnen auch zeigen, wie wir an Fehlern wachsen können. Weitere authentische Rollenmodelle können Erwachsene innerhalb und außerhalb der Familie (Onkeln und Tanten, Großeltern, PädagogInnen, HortbetreuerInnen, Nachbarn, FreundInnen der Familie, FußballtrainerInnen, etc.) sein. Sie sind eine wichtige Orientierungshilfe für Kinder. Solche Vorbilder wirken ermutigend, sie leben vor wie wir – auch ohne „Super(wo)man“ zu sein – mit Krisen im alltäglichen Leben umgehen können.

… Kinder wollen und brauchen Vorbilder aus ihrem direkten Lebensumfeld


Um sich gut entwickeln zu können, braucht ein Kind …
                                                               … selbstgewählte Freunde     

Wenn Kinder heranwachsen, werden positive Kontakte zu Gleichaltrigen und Freundschaftsbeziehungen immer wichtiger. Der Säugling ist noch vollkommen zufrieden, wenn er mit Mama oder Papa kuscheln kann. Mit zunehmender Selbstständigkeit wird der Austausch und Umgang mit Gleichaltrigen aber immer wichtiger. Eltern sollten sich über diese Entwicklung freuen und sie unterstützen, denn nur so können entscheidende soziale Kompetenzen erworben werden.
Wenn bei Streitereien unter Freunden immer gleich von den Eltern eingegriffen wird, geht das auf Dauer auf Kosten der Entwicklung der kindlichen Konfliktlösungskompetenzen und Problemlösefähigkeiten, die sich nur durch viel Übung – und auch mal durch Fehler machen dürfen – entwickeln können.
Werden Kinder „überfördert“ und können neben Ballett, Gitarre, Taekwondo, Reiten und Fechten über keinen freien Nachmittag mehr verfügen, können sie keine tiefen, selbstgewählten Freundschaften pflegen.

 … Kinder brauchen Freiraum für Eigenaktivität und selbstgewählte Freundschaften


Um sich gut entwickeln zu können, braucht ein Kind …
                                                                       … Herausforderungen     

Um sich gut zu entwickeln, brauchen Kinder keine sterilen und perfekten Lebensumstände. Im Gegenteil: Kinder, denen jeder Holperstein fürsorglich aus dem Weg geräumt wird, werden dadurch massiv in ihrer Entwicklung beschnitten. Diese Feststellung wird auch durch die
jüngsten Ergebnisse der Resilienzforschung gestützt.
Der Begriff der „Resilienz“ ist gegenwärtig in aller Munde, er beschreibt eine Art „seelische Widerstandskraft gegen widrige Umstände“. Seit den 1970er Jahren wurden zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt um die Frage zu beantworten, warum es Menschen gibt, die es trotz schwierigster Lebensumstände schaffen sich gut zu entwickeln. Das Wachsen an selbst bewältigten Herausforderungen ist dabei ein zentrales Thema. Wer ein Problem oder eine schwierige Situation meistert, fühlt sich selbstwirksam. Mitunter ist es diese Selbstwirksamkeit, die uns „resilient“– also widerstandskräftig macht. Wer weiß, dass er selbst etwas bewirken kann, wird sich nicht so schnell hilflos und ausgeliefert fühlen, er wird versuchen seinen Weg zu meistern, komme was da wolle.

 … Kinder brauchen die Möglichkeit an schwierigen Situationen wachsen zu können


Fazit:

Wer sein Kind liebevoll, wertschätzend und konsequent erzieht, ihm nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumt und auf Freiraum für Freundschaften achtet, schafft schon ganz wunderbare Rahmenbedingungen für eine gute Entwicklung.

Dabei ist „konsequent“ nicht synonym zu „streng“ oder „strafend“ gesetzt. „Konsequenz“ bedeutet aus dem lat. „Folge“. Viele glauben, wir müssten Kinder „konsequent“ erziehen und sie für von uns unerwünschtes Verhalten „strafen“. Eine Strafe ist keine Konsequenz, Strafe hat mit Machtausübung, Dressur und oft auch Rache zu tun.

Kinder (und auch Erwachsene) brauchen die Erfahrung, dass Verhalten Folgen hat. Und zwar nicht in Form von Unterdrückung oder manipulierendem Lob, sondern natürliche oder logische Folgen:

  • Der dritte Pudding verursacht vielleicht Bauchweh;
  • Wenn ich zu spät zur Schule gehe, ist der Bus weg;
  • Wenn ich Mama trete, findet sie das nicht toll;
  • Wenn ich mit dem Ball Omas Kronleuchter abschieße, bleibt er nächstes Mal zuhause oder im Auto
    (der Ball, nicht das Kind 😜) aber auch:
  • Wenn ich mich bedanke, freut sich das Gegenüber;
  • Wenn ich was ausschütte, kann ich es selbst wegputzen …

Im Alltag können wir bei anderen und uns selbst vielleicht beobachten, dass wir Kindern diese Folgen versuchen abzunehmen (oft verärgert und schimpfend) oder durch Strafe ersetzen.
Da gibt es dann Schelte für kleine Kinder, die beim Laufen hinfallen, obwohl wir gesagt haben „lauf nicht“ (statt mitfühlend darauf einzugehen, dass die Folge von nicht nach vorne schauend laufen – ein Hinfallen bedeuten kann) werden Kinder schimpfend in die Schule gefahren (statt die Erfahrung zu machen zu spät zu kommen), kaufen wir unter Drohungen einen zweiten Adventkalender (statt die Erfahrung machen zu lassen, dass der – wenn alles auf einmal leer gefuttert wird – einfach fertig ist …
Wobei immer ein Blick auf die Entwicklung des Kindes wichtig ist, ein Zweijähriger kann sich den Adventkalender noch nicht alleine einteilen, ein Schulanfänger braucht noch mehr Unterstützung beim morgendlichen Zeitmanagement …

Das klingt so leicht und ist zugleich im oft stressigen und fordernden Familienalltag nicht immer so locker flockig umsetzbar. Oft hilft und motiviert da der Blick auf das Ziel: Unsere Kinder sollen glückliche Menschen werden, die gerne leben, gut für sich sorgen können und dabei trotzdem nicht auf andere vergessen. Die Mühen werden also reich belohnt, wie ich finde.

 

Weiterführende Literatur:
Von generellen Schutzfaktoren zu spezifischen protektiven Prozessen:
Konzeptuelle Grundlagen und Ergebnisse der Resilienzforschung.

In Opp, G., Fingerle, Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. 3. Auflage.
München: Reinhardt, S. 57 – 78.

 

Veranstaltungsüberblick

Was Kindern gut tut

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2 Gedanken zu „Was Kindern gut tut

  1. Deine Texte sind immer so toll strukturiert und haben eine klare, leicht verständliche Botschaft.

    Auch finde ich die Quellenangaben toll – dass du dir die Mühe machst und Themen so ausführlich recherchierst, ohne dich in ellenlangen Ausführungen zu verlieren. Du bringst es einfach auf den Punkt.

    Viele Grüße,
    Conni

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