Selbst. Wert. Gefühl.  Ein Handbuch zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Von Robin Menges.

Buchrezension
Ein Handbuch zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen.
Ein Handbuch zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen   ?

Ganz ehrlich gesagt, ich bin sie schon lange müde: Alle die Rucksäcke, Zaubertools und Methoden aus der Erziehungstrickkiste um „Kinder zu stärken“ und ich frage mich

Wenn unsere Lebenswelt denn wirklich eine solche ist, die es notwendig macht, unsere Kinder in pädagogisches Drachenblut zu tunken um sie stark und unverwundbar zu machen – warum sollten wir dann unsere Kinder und nicht die gesellschaftlichen Bedingungen ändern?

ABER – und das ist jetzt ein wirklich großes A B E R:
Dieses Buch überrascht positiv und hat mich schwer beeindruckt, es ist weit mehr als ein Handbuch zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Keine weitere Anleitung zur Produktion von optimal verwertbarem Humankapital in Form von Stehaufmännchen und -weibchen. Wir halten hier eine fachlich fundierte und zugleich einfühlsame Auseinandersetzung mit dem Thema der Selbstentwicklung in Händen.

Im Folgenden findet ihr Einblicke zum Hintergrund der Autorin, zur Ausgestaltung des Buches, zu inhaltlichen Aspekten und schließlich meine Bewertung sowie deren Begründung.


Die Autorin
… ist mir persönlich bekannt, wir berühren uns gelegentlich berufsbedingt und sind auch über Kooperationen im Kontext der Elternbildung vernetzt.

Soweit wir überhaupt den Anspruch stellen können, etwas zu „kennen“, würde ich behaupten ihre Art zu arbeiten zu kennen und auch ihr Naheverhältnis zu Jesper Juul und Helle Jensen, an deren Seite sie die letzten 15 Jahre gearbeitet hat. Zudem kenne ich sie über ihre Tätigkeiten im IGfB, einem Ausbildungsinstitut, das auf die Initiative von Jesper Juul und Robin Menges vor zehn Jahren gegründet wurde. Robin ist klinische Psychologin, Supervisorin, Familientherapeutin in freier Praxis, dreifache Mutter … um euch ganz grob ein Bild zu ihrem Hintergrund zu geben.


Das Buch
… ist Ende letzten Jahres im Ennsthaler Verlag erschienen. Auf 263 hardcover-gerahmten Seiten finden wir ein Fülle von Denkimpulsen, Fallbeispielen und fachlichem Input, der ohne Fachjargon auskommt. Im Grunde finde ich das Buch sowohl gut und logisch gegliedert als auch nachschlagefreundlich aufgebaut:

  • Einleitende Hinweise zum Lesen,
  • Stichwortverzeichnis,
  • Zusammenfassung der im Buch vorgestellten Tools am Ende des Buches,
  • Quellenverweise und Randbemerkungen nicht im Fließtext, etc.

Was mich persönlich ein wenig gestört hat, waren die Fußnoten, die in Wahrheit leider Endnoten (stehen nicht unten am Seitenende, sondern am Ende des Buches in einem eigenen Kapitel) sind und auch so benannt wurden. Das wird die meisten gar nicht weiter stören, weil nicht jedeR meine Quellen-Besessenheit teilt. In meinem Fall habe ich allerdings bei konkret 238 Endnoten zurückgeblättert, aber es hat sich gelohnt: Ich bin dort zahlreich vertrauter Literatur aber auch persönlichen Neuentdeckungen begegnet.
Und: Ich bin jetzt ein wahrer „Umblätter-Profi“. Der Endnote 238 konnte ich schon zielsicher – nur über das Geräusch beim Blättern – habhaft werden.

Robin Menges wendet sich im Du-Wort an ihre Leserschaft, sie versucht selbst hier – im Papierformat 13,5 x 21 cm – Beziehung zu gestalten.
Auf Augenhöhe – mit Kopf, Herz und Bauch.
Und was soll ich sagen? Es gelingt.

Beim Lesen begegnen wir nach und nach den Leitfäden ihrer Erarbeitungen: Würde, Zuwendung, Authentizität, Verwundbarkeit, Integrität, Lebendigkeit u.v.m.
Sie lehnt sich in ihren Erarbeitungen an gehaltvolle Persönlichkeiten (selbstverständlich Juul und Jensen, aber auch Satir, Yalom, Hüther und vielen mehr) und ihre Erarbeitungen, verwebt diese mit eigenen beruflichen sowie privaten Erfahrungen, flechtet wissenschaftliche Konzepte, entwicklungs- / psychologische Erkenntnisse ein und knüpft daraus ein stimmiges Gesamtwerk. Dabei bindet sie die LeserInnen ein, begleitet sie auf ihrem Weg eigene Antworten und Wege zu finden, sieht weder sich selbst noch andere Menschen jemals als „fertig“ an [1] und wird an keiner Stelle belehrend oder ratSCHLAGend.

„Kinder ins Leben zu begleiten, ist ein empfindlicher, empfindsamer und verletzlicher Prozess. Sowohl für Eltern als auch für alle anderen Begleiter. Man kann nicht alles richtig machen. Alles, was man macht, wirkt sich aus. Es ist das Leben selbst in verdichteter Form. Wir müssen fühlend und denkend darauf schauen.“ [2]

In meinen Begegnungen mit Eltern und PädagogInnen nehme ich immer wieder die Vorstellung wahr, eine gute Begleitung von Kindern müsse perfekt und fehlerfrei sein. Eines meiner zentralsten Anliegen ist darin begründet, den Leidensdruck, den diese Ziel-Vorstellung mit sich bringen muss, zu nehmen. Menges bezieht willkommen deutlich Position zur Notwendigkeit der eigenen Unzulänglichkeit:

„Trotz aller Bedeutsamkeit und Wirksamkeit unserer Beziehungen und trotz allem, was wir über kindliche Bedürfnisse und Entwicklungsprozess wissen, ist es nicht möglich, Kinder perfekt zu begleiten, es ist vielmehr ein Sich-einlassen, ein Lernen und an- und miteinander Wachsen, das stets im Hier und Jetzt stattfindet.“ [3]

Zu Beginn des Buches wird den Begriffen Selbst, Wert  und Gefühl ein Rahmen aufgespannt. Hier finden wir eine erste Beschäftigung mit dem Begriff Selbst, wir stellen uns unter anderem die Frage:

  • Wie wir Dingen einen Wert geben und wo unser Selbstwertgefühl zuhause ist.
  • Was unser Selbst ausmacht? Was ist der „unkaputtbare Kern“ , wie ihn Menges nennt, der auch in Zeiten starker Selbstverunsicherung erhalten bleibt?
  • Wie sehen wir uns selbst und wie nehmen wir (unsere) Kinder wahr?
  • Was genau ist es, das wir erstreben und ersehnen? Was leitet uns?
  • Und leben wir das, das uns wichtig ist? Auch unter Druck und Stress?

Dabei führt uns die Autorin einfühlsam durch die so großen Fragen und verliert zugleich nie den Blick fürs Kleine, für die wirklich wichtigen Momente: Momente, in denen wir uns einschwingen aufs Kind – auf seine Interessen, seine Welt, den Augenblick. Momente im Hier und Jetzt, in denen wir präsent und kongruent sind – mit unserer Mimik, Gestik, Körperhaltung, unserer Stimme, ehrlichem Interesse – mit offenen, wohlwollenden, urteilsfreien, neugierigen Augen, Ohren und Herzen. [4] Menges nennt sie die „Momente der Synchronisation“ oder auch „Moments of Meeting“ nach dem Psychiater, Psychoanalytiker und Pionier der Säuglingsforschung Daniel Stern. [5]

Ab ungefähr der zweiten Buchhälfte finden wir aufschlussreiche Begriffsschärfungen zum

  • Selbstgefühl
  • Selbstkonzept (super spannend!)
  • Selbstwert
  • Selbstwertgefühl (Hast du dir schon einmal überlegt, ob du dich eher für das, was du kannst, oder für die Person, die du bist, wertschätzt?“ [6])
  • Selbstvertrauen
  • Selbstbewusstsein
  • Selbstwirksamkeitserleben (eines meiner Herzensthemen)

Der Trend zur Selbstoptimierung ist meiner Auffassung nach Symptom einer leistungs(druck)orientierten Gesellschaft und wird viel zu wenig hinterfragt. Besonders erwähnenswert finde ich daher, dass Menges kritisch auf den Hype der Selbstoptimierung eingeht. Dazu stellt sie sich der Frage, was ein gesundes Selbstwertgefühl ausmacht und warum dieses nicht von Leistungen oder Eigenschaften abhängig gemacht werden kann und soll. [7]

In weiterer Folge nimmt uns die Autorin in zahlreichen Fallbeispielen auf eine Entdeckungsreise mit. Eine Reise, aus der wir uns vieles in unseren Lebensalltag mitnehmen können –
Erkenntnisse zu Fragen wie:

  • Welchen Unterschied es macht, ob wir unseren Blick nach innen auf das Kind oder nach außen auf sein Tun richten [8]
  • Was abhängige Liebe ist und was diese bewirkt [9]
  • Welche Gefahr in der Angst vor Tyrannenkindern und der damit einhergehenden Überzeugung liegt, wir müssten unsere Kinder zu Empathie & Mitgefühl erziehen, ehe sie kognitiv überhaupt dazu in der Lage sind und noch bevor sie sich selbst in den Blick nehmen konnten [10]
  • Warum eine zu hohe Orientierung am Kind der Abgabe erwachsener Verantwortung gleichkommt. Einer Verantwortung, die zu groß und schwer für Kinderschultern ist [11]
  • Weshalb künstlich herbeigeführte Konsequenzen nicht nur fürs Kind schädlich sind, sondern sich Erwachsene damit selbst ins Knie schießen [12]
  • Warum „Funktionieren“ die neue „Gehorsamkeit“ ist. Und weshalb solche Haltungen oft von autoritärem, nicht authentischem Handel begleitet werden und Selbstwirksamkeitserfahrungen im Keim ersticken können [13]
  • Welcher Rahmenbedingungen gelungene Affektspiegelung bedarf und welche Form der Verdauung hinter dem Fachbegriff „Containing“ steht [14]
  • Unter welchen Umständen der „aufsaugend (oder absorbierende) Geist“ (eine von Mutter Natur ausgeklügelte Entwicklungsfähigkeit von Kleinkindern) zum Fallstrick für einen gesunden Selbstwert werden kann [15]
  • Warum ein gesundes Selbstvertrauen immer auf einem stabilen Sockel von Selbstgefühl und Selbstwert stehen sollte. Und was daran problematisch ist, kleinen Kindern vermitteln zu wollen „ich lehne nur dein Verhalten ab – nicht dich“ [16]
  • Welches die Merkmale von „differenziertem Lob“ sind. Was wohlhabende und ehrliche Feedbacks auszeichnet und worin ihre Relevanz liegt [17]
  • Wovon es abhängt, ob ein Mensch sich als Opfer der Umstände / Spielball des Lebens oder als „selbst wirksam“ erfährt [18]
  • Welche Mechanismen sich in Gang setzen können, wenn unserem menschlichen Bedürfnis von Zugehörigkeit nicht entsprochen wird [19]
  • Warum uns manches Verhalten erst zugänglich wird, wenn wir die neurobiologische Sicht erfassen [20]
  • Warum „Gefühle unterdrücken“ nicht gleichzusetzen mit „Gefühle regulieren“ ist [21]
  • Warum die TIME-OUT-Methode (Auszeit) keine pädagogische Option sein darf [22]
  • Warum die Liebe zu unseren Kindern uns nicht zwangsläufig davor schützt, ihre Integrität zu verletzen [23]
  • Wie ein stärkender Umgang mit Kindern und Jugendlichen gelingen kann [24]
  • Was Kinder mit einem schwachen Selbstwert brauchen [25]
  • u.v.a.

Nach einem Kapitel mit Schlussforderungen zu den vorangegangenen Erarbeitungen lädt Menges uns anhand einer geleiteten Selbstbefragung zum Nachspüren / zum in sich SELBST spüren ein, bevor sie uns eine Fülle von Handlungsoptionen anbietet. In diesem letzten Kapitel finden sich viele lebensnahe und berührende Impulse zu Themen der

  • Beziehungsgestaltung
  • dem WIE unseres Tuns und Redens
  • Stress und Möglichkeiten der Regulation sowie
  • zusammenfassende Tools von A(nerkennung) bis Z(utrauen)

Mit einem Kapitel zur Nutzung und Integration dieser Tools (sowie konkreten Fallbeispielen zu deren Anwendung und der Erwähnung, dass es sich hierbei nicht um „universell einsetzbare Werkzeuge“ handelt, sondern um „feine, zarte, abstimmbare Tools, die erst im Zusammenspiel mit deiner Person ihre Wirkung entfalten.“) werden die fachlichen Ausführungen stimmig ergänzt. [26]

 

Fazit

Robin Menges meistert in ihrem Buch den Balanceakt, fachlich gehaltvoll und zugleich berührend ein komplexes Thema zu erschließen, welches uns alle betrifft: Kinder und Jugendliche genauso wie deren Bezugspersonen – Fachleute wie Eltern – aber auch sonst alle Menschen, die ganz lebensnah eine fachliche Innenschau wagen wollen.

„Selbst.Wert.Gefühl.“ – ein Buch, das ich quasi „am Stück“ aufgesaugt habe. Erst einmal aufgeblättert, konnte ich es nicht mehr weglegen. Viele der Inhalte berühren Herzens-Themen von mir, denen ihr in verschiedenen Formen auch schon auf meinem Blog und meinen Social-Media-Plattformen begegnen konntet. Auch die Art, in der Menges Einsichten und Handlungsoptionen im Kontext einer gelungenen Selbstentwicklung serviert, trifft voll meinen Geschmack: Fachlich fundiert gelingt es der Autorin mit ihrer Leserschaft in Beziehung zu treten – an keiner Stelle dogmatisch, durchwegs informativ, sympathisch und auf Augenhöhe.

Sie nimmt uns mit auf der Suche nach dem Selbst, verbindet Wissen und Fühlen miteinander und hat damit ein Handbuch geschaffen, das seiner Bezeichung gerecht wird:
Ein Nachschlagewerk, das – auch nach dem ersten Mal lesen –  einlädt, immer wieder erneut zur Hand genommen zu werden. Zum Nachlesen und Hineinspüren in ein ganz besonderes Verständnis der Selbststärkung.

Von mir daher: Eine klare Leseempfehlung. 

 

Menges, R (2019): Selbst. Wert. Gefühl. Ein Handbuch zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Steyr: Ennsthaler Verlag.

 


 

[1] Vgl. Menges 2019, S. 19.

[2] Ebd. S. 30.

[3] Ebd. S. 63.

[4] Vgl. ebd. S. 87.

[5] Ebd. S. 89.

[6] Ebd. S. 130.

[7] Vgl. ebd. S. 136 ff.

[8] Ebd. S 141 ff.

[9] Ebd. S. 145.

[10] Ebd. S. 145 ff.

[11] Ebd. S. 148 ff.

[12] Ebd. S. 153 ff.

[13] Ebd. S. 155 ff.

[14] Ebd. S. 157 ff.

[15] Ebd..

[16] Ebd. S. 162 ff.

[17] Ebd. S. 167 ff.

[18] Ebd. S. 174 ff.

[19] Ebd. S. 178 ff.

[20] Ebd. S. 210 ff.

[21] Ebd. S. 214 ff.

[22] Ebd..

[23] Ebd. S. 180 ff.

[24] Ebd. S. 184 ff.

[25] Ebd. S. 185 ff.

[26] Ebd. S. 220 ff.

Selbst. Wert. Gefühl. Buchrezension

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