Auf dem frühmorgendlichen Weg in die Arbeit kann ich sie sehen, wie bunte Blümchen leuchten sie mit ihren farbigen Schultaschen im noch dämmrigen Herbstlicht. Die Schulanfänger, kleine Buben und Mädchen, manche schon tapfer alleine oder in Grüppchen unterwegs, manche noch von Mama oder Papa begleitet, wackeln in Richtung Schulgebäude. Auf den Gesichtern ist oft das unverkennbare und stolze Strahlen des noch frischen Abenteuers zu entdecken, das sich immer zeigt, wenn sich neue Welten und damit neue Möglichkeiten auftun. Manchmal aber auch fallen mir die kleinen Gesichtchen auf, weil sie etwas Sorgenvolles und Müdes zeigen, eine gewisse Anstrengung den Erwartungen und Anforderungen zu entsprechen.

Ich erinnere mich an die Zeit, in der meine Kinder dem Kindergarten entwachsen sind und an die vielen Gedanken, die ich mir gemacht habe. Hoffentlich geht alles gut, hoffentlich finden sie Freunde und stehen nicht alleine am Pausenhof, hoffentlich können sie dem Unterricht folgen, hoffentlich werden sie von den LehrerInnen gemocht, hoffentlich passen sie am Schulweg auf, hoffentlich nimmt sie keiner mit, hoffentlich kommen sie heute besser mit den Hausaufgaben klar … Wo war da die Leichtigkeit und Zuversicht, die Kinder beim Übergang in einen neuen Lebensabschnitt so dringend brauchen?

Zurück an den Start

Wenn ein Kindergartenkind zum Schulkind wird, bringt das viele Änderungen im Familienalltag mit sich. Es ist etwas anderes Mama oder Papa von einem Baby, einem Kindergartenkind oder einem Schulkind zu sein. Das System Familie hängt wie mit unsichtbaren Bändchen befestigt an den anderen Systemen, und ist so auch mit dem Schulsystem untrennbar verbunden. Wenn sich unser Kind beispielsweise im System Schule überfordert fühlt, wird an dem unsichtbaren Bändchen gezogen und auch das Familiensystem durchgerüttelt. Gerade zum Schulanfang müssen Kinder aber mit so einigem klar kommen. Zunehmend werden sie gemessen, verglichen und bewertet. Spätestens jetzt gibt es sehr klare Strukturen (morgens aufstehen, Stundenplan, Vorbereitungen, etc.), die zwar in den ersten Tagen noch spannend sind, aber auf Dauer nicht gerade dem kindlichen Freiheitsdrang entgegenkommen. Noch mehr Frustrationspotential gibt es, indem aus dem „großen“ Kindergartenkind über Nacht das „kleine“ Schulkind wird. Waren sie gerade noch die Großen im Kindergarten, geht es nun „zurück zum Start“ (das hat ihnen aber vorher niemand gesagt 😉

Die innere Haltung

Was können wir als Eltern nun tun um unseren Kindern einen guten Start ins Schulleben zu erleichtern? Vieles beginnt schon bei unserer Haltung. Sitzen uns selbst noch Schulerfahrungen in den Knochen? Wenn wir unsere Kinder mit Sätzen wie „warte nur wenn du in die Schule kommst“ oder „da beginnt der Ernst des Lebens“ auf die Schulzeit vorbereiten, sind die Chancen schon zu Schulbeginn klein, dass „Schule gehen“ angstfrei und positiv besetzt ist.

Welche Erwartungen haben wir an die Schulzeit unseres Kindes? Muss es nun die nächsten Jahre auf Jagd nach (sehr) guten Noten und möglichst immer BesteR sein? Fragen wir automatisch nach, welche Noten die anderen haben? Oder ist es unser Ziel, dass unser Kind in dieser Zeit mehr und mehr entdeckt, wo seine Stärken und Interessen liegen? Wo seine Augen zu leuchten beginnen und die Funken der Begeisterung fliegen?

Talente und Interessen

Ich war schon erwachsen, als eine Dozentin auf der Universität in Innsbruck zu uns StudentInnen sagte: „Achten sie auf Ihr Feuer der Begeisterung. Bei welchen Themen spüren Sie ein Knistern und Funkeln? Was berührt Sie? Vertiefen Sie sich darin und machen Sie aus diesen Funken der Begeisterung ein Feuer, das sie durchs Leben tragen kann.“ Es war ein lebensverändernder Satz für mich und ich finde er sollte leitend für alle Eltern und PädagogInnen sein. Schon Konfuzius meinte „Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder in deinem Leben arbeiten.“. Und genau das ist es, was ich mir für meine Kinder wünsche, dass sie als Erwachsene nicht ins „Burn-Out-Hamsterrad“ steigen und freudlos ihre Arbeit verrichten um letztlich ihren Frust und Lebenshunger mit Konsumgütern stillen zu müssen, für die sie dann noch einige Extrarunden im Hamsterrad drehen müssen. Sondern, dass sie in den Jahren ihrer Schulzeit angstfrei und neugierig entdecken dürfen, wo ihre Talente und Interessen liegen:

  • Beim Umgang mit Zahlen und Regeln, dem Kniffeln und Lösen von Aufgaben? (Mathematik)
  • Oder der Malerei mit Wörtern, dem Schaffen bezaubernder Welten durch Ausdrucksfähigkeit? (Deutsch)
  • Vielleicht aber auch dem Umgang mit Farben und Werkstoffen, dem Erschaffen mit eigenen Händen? (Bildnerische-, Werkerziehung)
  • Womöglich auch dem eigenen Körpereinsatz mit all seinen Grenzen die da zum Austesten und Überschreiten einladen? (Turnunterricht), etc.

Das Kind stärken

Egal wohin es mein Kind zieht, wenn ich nicht vorwiegend darauf schiele, was gerade nicht so gut läuft, sondern meine Aufmerksamkeit auf das richte, wo seine Stärken liegen, bin ich schon mitten drinnen im „fürs Leben stärken“. Leider erleben Kinder aber oft, dass ihre Stärken weniger wichtig sind, als die der Anderen. Wenn ein Bub beispielsweise begeistert im Sportunterricht ist, warum sollte das weniger Wert sein als ein gutes Sprachgefühl oder der Umgang mit Zahlen? Sowas frustriert. Wenn der allseits bekannte Hirnforscher Gerald Hüther von der „Gießkanne der Begeisterung“ spricht, meint er den biochemischen Cocktail an neuroplastischen Botenstoffen der im Gehirn ausgeschüttet wird, sobald wir uns für etwas interessieren. Dies bewirkt eine dichtere neuronale Vernetzung und Verschaltung im Gehirn und ist somit nichts anderes wie ein körperlich gewordener Lernprozess. Das genau ist der Grund, warum Einjährige laufen lernen. Sie denken nicht am Morgen: „Heute werde ich wieder ständig auf die Nase fallen, ich bleibe lieber liegen.“ Sie sind begeistert vom Laufen-Lernen und  versuchen es immer wieder – bis die neuronalen Verschaltungen dazu geschaffen sind und Gehen und Laufen so nebenbei funktionieren. Die Natur ist clever, Dopamin & Co machen es möglich.

Begeisterung ist also der Dünger fürs Lernen und NICHT die Angst vor Versagen oder Strafen.

Aus der Bindungsforschung wissen wir, und das nicht seit gestern, dass Exploration nur bei guter Bindung erfolgt. Verständlicher könnten wir sagen „die Welt entdecken wir nur im angstfreien Zustand“. Wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenfassend bedeutet das: Lernen geht nur mit Begeisterung und ohne Angst. Sehr glückliche Kinder haben Eltern und Lehrer die das wissen. Manche haben nur eines von beidem und richtig schlimm für Kinder ist es wenn Eltern und Lehrer dies nicht berücksichtigen.

Zauberwort Selbstwirksamkeit

Wir Eltern können, unabhängig von der Schule, unseren Beitrag dazu leisten, indem wir dieses Wissen im Alltag umsetzen und unsere Kinder im Alltag angstfrei (ohne Druck) und mit Begeisterung (spielerisch) fördern. Das Zauberwort ist Selbstwirksamkeit und bedeutet Kinder im Lebensalltag so viel als möglich selbst machen (bewirken) zu lassen. Selbstwirksamkeit ist übrigens auch ein Pfeiler der frühen Resilienzforschung (Resilienz = seelische Widerstandskraft, warum manche an Herausforderungen wachsen und andere daran zerbrechen), aber das ist wieder eine andere Geschichte (und irgendwie auch nicht 😉

Eltern in Panik

Aktuell werden Eltern wieder schwer in Panik versetzt mit Meldungen wie: „Ein Kinderschänder treibt derzeit sein Unwesen vor unseren Volksschulen, versucht Kinder mit Süßigkeiten zu locken.“. Ich glaube, dass solche Meldungen dazu führen, dass schon stark überbehütete Kinder noch mehr erdrückt werden.

Trotzdem ist es wichtig zu wissen wie man/frau am besten mit einer solchen Situation umgehen soll: Spätestens wenn Kinder alleine unterwegs sind (also alle Schulkinder) sollten sie wissen, dass die Welt nicht nur „gut“ ist und dass es nicht „normal“ ist, wenn wildfremde Menschen einen ansprechen oder gar mit dem Auto neben Kindern anhalten „um etwas zu fragen“. Kinder müssen wissen, dass sie nicht immer brav und artig sein müssen, sondern dass sie sich im Fall „richtig“ (schreien, spucken, kratzen, beißen) wehren dürfen. Gut vorbereitet sind Kinder die auch im Alltag ihre Grenzen wahren dürfen: Kein Bussi der Tante Berta geben, wenn ich nicht mag; Nicht aufessen müssen, wenn ich satt bin; Nicht mit dem nervigen Sohn von Mamas Freundin spielen zu müssen, wenn ich mich mit ihm gar nicht verstehe. Gut vorbereitet sind Kinder auch dann, wenn Eltern selbst ihre Grenzen wahren und nicht (oft aus schlechtem Gewissen heraus) alles erlauben, obwohl sie es eigentlich gar nicht wollen; Immer zur Verfügung stehen, obwohl sie vielleicht gerade selbst etwas Ruhe bräuchten.

Panikmache ist der falsche Weg, ängstliche Kinder werden eher zum Opfer, als Kinder die Selbstvertrauen ausstrahlen und sich zu wehren wissen.

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Gepostet von Blickpunkt Erziehung am Sonntag, 11. März 2018

Ein guter Start in die Schule

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