Schulweg – Kinder sicher allein unterwegs

Spätestens sobald die Kindergartenzeit dem Ende zu geht, sind Eltern gedanklich mit alledem, was die herannahende Schulzeit mit sich bringen mag, beschäftigt. Nicht zu unterschätzen ist da auch der Schulweg, der bald alleine zu meistern ist.

Viele Eltern macht die Vorstellung, dass ihr Kindergartenkind in wenigen Monaten alleine das Haus verlassen und zur Schule gehen soll, durchaus ein bisschen Angst. Zudem werden Eltern regelmäßig – wir könnten fast die Uhr danach stellen, meistens im Frühjahr und im Herbst – mit Meldungen von scheinbaren Entführungsversuchen am Schulweg, in Panik versetzt.

Darum machen wir uns in diesem Beitrag ein paar Gedanken darüber, …

…  ob und warum es überhaupt notwendig ist, dass Kinder ihren Schulweg alleine meistern.

… wie wir unser Kind sicher begleiten *im Sinne von schützen und vorbereiten *,
ohne es dabei jahrelang an der Hand in die Schule zu führen

Warum allein unterwegs?

Für viele Eltern liegt die Schule fast am Weg zur Arbeit und es wäre kaum ein Aufwand, das Kind mitzunehmen. Ganz im Gegenteil, es wäre sogar planbarer, müssten wir uns doch keine Gedanken machen ob es durch Trödelei zu spät kommt, wenn wir es pünktlich vor der Schule absetzen. Zudem ist es auch scheinbar sicherer, wir sind befreit von der Urangst, dass ihm im Straßenverkehr etwas zustößt oder es womöglich Opfer eines Gewaltverbrechens wird.

Zugleich werden wir alle Jahre wieder von eingangs genannten Schreckensmeldungen über Entführungsversuche in Panik versetzt. Vor allem über die Dynamik sozialer Medien bekommen solche Meldungen einen unglaublichen Schwung, der kaum einzubremsen ist. Zum einen lässt sich ganz banal mit Angst schnell eine hohe Reichweite erzielen, zum anderen ist es auch ganz natürlich, dass erschrockene Eltern auf diese Schaukel aufspringen und solche Beiträge teilen um andere zu warnen.

Panik schwächt
Dabei ist Panikmache der  grundverkehrte Weg, wissen wir doch, dass verängstigte, unsichere Kinder eher zum Opfer werden, als Kinder, die Selbstvertrauen ausstrahlen und sich zu wehren wissen.

Wir wissen auch, dass diese Horrormeldungen in fast allen Fällen substanzlos sind. Traurigerweise zeigt uns die Statistik, dass die größte Gefahr für Kinder in den eigenen vier Wänden lauert. Viele sind zuhause von Gewalt und Übergriffen betroffen, die meisten Entführungen finden im Kontext elterlicher Trennung statt und nicht am Schulweg.

Auch bezüglich der Unfallgefahr am Schulweg sprechen Unfallstatistiken eine völlig andere Sprache als unsere Wahrnehmung. Im Jahr 2018 kamen in Österreich drei Kinder im Alter von 0 – 14 Jahren im Straßenverkehr ums Leben. Kein einziges verunglückte am Schulweg, alle drei waren PKW-Insassen. (Verkehrstatistik 2018 des Bundesministerium für Inneres)

Zugleich ist die Gefahr im Straßenverkehr zu verunglücken natürlich nicht von der Hand zu weisen. Das Jahr 2019 hat in Wien mit einem tragischem Vorfall am Schulweg eines Neunjährigen begonnen, er wurde von einem  abbiegenden LKW übersehen und überlebte diesen Unfall nicht. In diesem Jahr kamen im Vergleich mit den Vorjahren mit 16 Kindern auch deutlich mehr im Straßenverkehr ums Leben – vier davon am Schulweg.

Statistik bezieht sich auf Österreich

Die Notwendigkeit mögliche Gefahren am Schulweg ernst zu nehmen und Kinder bestmöglichst vorzubereiten, versteht sich sicherlich von selbst. Aber wir sollten nicht die Realität dabei aus den Augen verlieren und uns panisch machen lassen. Kinder haben allerfeinste Antennen, sie spüren sofort unsere Furcht – und mit Furcht stärken wir sie nicht.

Der Schulweg – viel mehr als nur ein Weg zur Schule
Wir stärken sie auch nicht, indem wir ihnen den Weg abnehmen. Der Schulweg ist viel mehr als nur ein von A nach B kommen. Es macht einen Unterschied ob ich verschlafen ins Auto gesetzt werde und quasi „im Klassenzimmer“ aussteige oder ob ich mich bei der Haustüre verabschiede und in die große weite Welt eintauche. Im besten Falle geschieht Letzteres in der Begleitung von Freunden oder Gleichaltrigen. Aber auch ein Stück weit alleine die frische Luft, das Wetter spüren, all die großen Kleinigkeiten, die Kinder ganz selbstverständlich entdecken, aus eigenem Antrieb wahrzunehmen, ist wichtig für unser großes kleines Kind und macht etwas mit ihm. Es gibt ihm Erfahrungsraum, der dringend notwendig ist, bevor im Schulgebäude die Aufmerksamkeit wieder von außen geleitet wird und gebündelt werden muss.

Sicher unterwegs? Aber wie?

Spätestens wenn Kinder alleine unterwegs sind (also alle Schulkinder) sollten sie wissen, dass die Welt nicht nur gut ist und dass es nicht normal ist, wenn wildfremde Menschen einen ansprechen oder gar mit dem Auto neben Kindern anhalten um etwas zu fragen. Kinder müssen wissen, dass sie nicht immer brav und artig sein müssen, sondern dass sie sich im Falle richtig (schreien, spucken, kratzen, beißen, …) wehren dürfen.

Gut vorbereitet sind Kinder, die auch im Alltag ihre Grenzen wahren dürfen: Kein Bussi der Tante Berta geben, wenn ich nicht mag; Nicht aufessen müssen, wenn ich satt bin; Nicht mit dem nervigen Sohn von Mamas Freundin spielen zu müssen, wenn ich mich mit ihm gar nicht verstehe. Gut vorbereitet sind Kinder auch dann, wenn Eltern selbst ihre Grenzen wahren und nicht (oft aus schlechtem Gewissen heraus) alles erlauben, obwohl sie es eigentlich gar nicht wollen; Immer zur Verfügung stehen, obwohl sie vielleicht gerade selbst etwas Ruhe bräuchten.

Denkimpulse
zu umfassenden Möglichkeiten einer Begleitung unseres Kindergartenkindes zum Schulkind:

 Selbst informiert sein

Kinder informieren

  • Sachlich und einfühlsam
    Keine Angst machen
  • Distanz im Umgang mit Fremden:
    • Fremde immer „SIEzen“
      • damit ist er / sie auch für die Umgebung ersichtlich fremd sind
    • Die Schultasche nicht von außen sichtbar mit dem Namen des Kindes versehen
      • verhindert vertrauliches Ansprechen mit dem Vornamen des Kindes
    • Abstand von parkenden oder heranfahrenden Autos
      • Kind soll nicht „greifbar“ sein
    • Keine Gespräche mit Fremden
      • Kind muss nicht auf Fragen antworten oder behilflich sein
        (Uhrzeit, Weg, etc.)
      • Bei dem Gefühl bedrängt zu werden, ist ALLES erlaubt
        (schreien, treten, weglaufen …)
    • Unter keinen Umständen mitgehen
      • Es wird dich nie jemand abholen ohne dein Wissen
        Evtl. Passwort für den Notfall ausmachen

Klare Regeln

  • Pünktlich starten
    Kein Stress am Schulweg
  • Wenn möglich in Gruppen gehen
  • Vielleicht gibt es an der Schule ein Buddy-Programm?
    Ältere Schulkinder holen in der ersten Zeit Schulanfänger ab
  • Keine Raufereien, Spielereien am Straßenrand
  • Keine Umwege ohne Information (mit wem bist du wo unterwegs)

Gute Vorbereitung

  • Schulweg spielerisch üben
    Kind führt die Mama / den Papa
    „Und-dann-Methode“ nach Family Support
  • Notfallsplan spielerisch durchgehen
    Was könntest du machen wenn …

    • der Bus weg ist, bei der falschen Haltestelle ausgestiegen bist,
      du dich verirrt hast, du angesprochen wirst, …
    • Spielerisch „Rettungsinseln“ suchen
      • Bekannte, Geschäfte, andere Eltern, Arzt,…
      • „Polizei – dein Freund und Helfer“ (nie mit Polizei drohen)
    • Notrufnummer, Handynummer, Adresse Eltern spielerisch üben
      und (auf einem Kärtchen, Aufkleber, …) in der Schultasche notieren

Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen

  • Kind soll so viel wie möglich selbst machen und entscheiden dürfen
    • Methode der begrenzten Auswahl
      Kleidung, Essen, Freizeit, …
    • Selbst Lösungen finden lassen
      Aktives Zuhören statt beratSCHLAGEN

Vorbild sein

  • Im Straßenverkehr
    handlungsbegleitend sprechen
    jetzt warte ich bis grün ist“, „jetzt suche ich den nächsten Zebrastreifen
  • Verlässlich sein
    „Ich sage dir wo ich bin, wann ich zurückkomme, wie / wo ich erreichbar bin,
    an wen du dich wenden kannst wenn du mich nicht erreichst und das Gleiche erwarte ich von dir“

Grenzen wahr(nehm)en

  • Eigene Grenzen spüren und kommunizieren
    „Wann / was wird mir zu viel, woran erkenne ich das, wie zeige ich es dir“
  • Grenzen der Kinder wahren
    • Recht auf eigene Entscheidungen
    • Recht eigene Fehler machen zu dürfen
    • Recht auf Privatsphäre
    • Recht auf eigene Grenzen
      →  „NEIN“ sagen muss im Alltag geübt werden dürfen

Gefühle ernst nehmen

  • Jedes Gefühl darf da sein
    „Ich bin nicht feige, wenn ich Hilfe hole.“
    „Ich kann meinen Eltern jederzeit alles anvertrauen.“
  • Gefühle verbalisieren, sicht- und greifbar machen
  • Gefühle nicht klein machen
    „Ist ja nichts passiert, das tut ja gar nicht weh, du brauchst nicht gleich weinen …“
  • Zuversicht zeigen
    „Was könnte dir jetzt gut tun?“

An dieser Stelle werden womöglich einschlägige Kinderbuchempfehlungen wie „Max / Conny / Jule … geht nicht mit Fremden mit“ erwartet. Und die gibt es hier nicht. Warum? Information ist doch wichtig? Stimmt.

Das mantraartige und bilderbuchunterstützte Vorbeten „Gehe nie mit Fremden mit“, „Steige in kein Auto ein“, „Sprich niemals mit Fremden“ gibt uns vielleicht ein gutes Gefühl unsere Kinder vorzubereiten, zugleich ist es für sich alleine gestellt nicht nur eine unzureichende Begleitung unserer Kinder, sondern kann sich durchaus auch als fatal erweisen. Denn es hinterlässt letztlich im kindlichen Denken – wie auch in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein – die Botschaft, dass Kinder quasi selbst schuld daran wären, wenn sie zu Opfern werden. Kinderbücher wie „XY geht nicht mit Fremden mit“ sind die kleinen Geschwister von „Zieh dich halt nicht so aufreizend an“ oder „Selber schuld, wenn du mit kurzem Rock auf die Straße gehst.“ und verorten Opfer-Verantwortlichkeit. Zudem schieben wir damit die Verantwortung ausgerechnet unseren Kleinsten zu. Doch nur wir Erwachsenen können diese tragen, indem wir Kinder in ihren ersten Lebensjahren in einer Art und Weise begleiten, die es wahrscheinlich macht, dass sie auch später möglichst gut in der Lage sein werden, ihre Grenzen wahrzunehmen und zu wahren.

Statt die Grenzen unserer Kleinsten dauerhaft und scheinbar unmerklich zu überschreiten – bis sie diese gar nicht mehr spüren – oder zu überlegen, wie wir Kinder mit diversen Erziehungstools austricksen können um ihre NEINS zu umschiffen, sollten wir Erfahrungsräume gestalten, in denen NEIN-sagen gelernt werden kann. Jedes Nein ist auch ein Ja. Oft ein dringendes Ja zu uns selbst, was wiederum meist die Basis für ein gesundes Wir bildet.

Statt einer Kinderbuchempfehlung daher an dieser Stelle ein Denkimpuls: Geben wir dem NEIN mehr Raum, sowohl bei unseren Kindern, als auch bei uns.

Nicht jedes Nein ist im Familienalltag möglich, aber jedes Nein darf gesehen und betrachtet werden. Ein „Nein, nicht Zähne putzen!“ kann zum Beispiel als ein „Nein, so kann ich meine Zähne nicht putzen.“ verstanden werden. In den frühen Lebensjahren ist es Kindern noch nicht möglich auf logische Schlussfolgerungen in Form von „wenn jetzt … dann später-Denkmustern“ zuzugreifen. Und – auch wenn wir es mehrmals täglich predigen – junge Kinder können die Konsequenz fauler Zähne zwar akustisch aufnehmen, aber verstandesmäßig noch nicht die Auswirkung von jetzt auf später erfassen.

Welche Bedingungen sind also notwendig, dass mein Kind – ohne Einsatz von Gewalt – Zähne putzen kann? Ist es möglich die Situation spielerisch aufzugreifen, Interesse zu wecken? Können wir unser Vorleben authentisch einbringen, finden verschiedene Formen kindlicher Mitbestimmung Platz? Zu alledem gäbe es viel zu schreiben, doch das wäre nun wieder eine andere Geschichte. Und irgendwie auch nicht: Denn genau darum – um Bindung und Autonomie – geht es immer in einer entwicklungsfreundlichen Begleitung von Kindern. Dazu habe ich auch eine wertvolle Buchempfehlung, fachlich ausgesprochen fundierte, fesselnd formulierte Einblicke finden sich im Buch der wunderbaren Ursula Henzinger:

Henzinger, U. (2017): Bindung und Autonomie in der frühen Kindheit: Humanethologische Perspektiven für Bindungstheorie und klinische Praxis. (Neue Wege für Eltern und Kind). Psychosozial-Verlag

Weiterführende Quellen:

Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V.: https://www.kindersicherheit.de/kinderunfaelle-vermeiden/artikel/laufrad-roller-fahrrad-was-ist-wann-zu-empfehlen.html (Stand: 05.03.2021)

Land Tirol: Der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder: Die eigenen vier Wände. Verfügbar unter: https://www.tirol.gv.at/meldungen/meldung/der-gefaehrlichste-ort-fuer-frauen-und-kinder-die-eigenen-vier-waende/

ÖAMTC: Kind und Fahrrad – Sicherheit für unsere Kleinsten. Verfügbar unter: www.oeamtc.at/thema/fahrrad/kind-und-fahrrad-sicherheit-fuer-unsere-kleinsten-16181078 (Stand: 05.03.2021)

ÖAMTC: Kleinfahrzeuge und Trendsportgeräte im Straßenverkehr. Verfügbar unter: www.oeamtc.at/thema/kindersicherheit/kleinfahrzeuge-im-strassenverkehr/ (Stand: 05.03.2021)

TT: 416 Verkehrstote 2019: Zahl getöteter Kinder stark angestiegen. Verfügbar unter: https://www.tt.com/artikel/30730450/416-verkehrstote-2019-zahl-getoeteter-kinder-stark-angestiegen
(Stand: 10.05.2021)

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